
Feuilleton vom 26.01.2004
Ein seltsamer Vogel
mit scharfem Geist und Poesie
Vor dreißig Jahren starb der
Dichter Siegfried von Vegesack - Der Bayerische Wald wurde ihm eine Heimat
ohne Grenzen
Drei Jahrzehnte sind ins Land gegangen, seit im Torturm der Burgruine Weißenstein
auf dem Quarzfelsen des Pfahls das Klappern der alten Schreibmaschine unter den
Händen Siegfried von Vegesacks für immer verstummte.
Der Dichter aus dem fernen Livland ist dort am 26. Januar 1974 gestorben. In den
Bayerischen Wald, wo er die meisten seiner Dramen, Gedichte, Erzählungen,
Romane, Essays, Reise- und Kinderbücher schrieb, Sprachkunstwerke von hohem
Rang, hatte es ihn 1918, nach dem Ersten Weltkrieg, verschlagen. "Hier fand
ich", so erzählte er, "einen alten Raubritterturm mit Spuk und
Gespenstern, der seit vielen Jahren leer stand und deshalb für ein Butterbrot
zu haben war. Ich lernte mähen, weidete meine Ziege, dann sogar eine Kuh und
arbeitete im Garten. Und im Winter, wenn es nur Holz zu hacken gab, fing ich an
zu schreiben." Das alte Gemäuer der Weißensteiner Burg passte zu ihm, der
selbst einer alten Adelsfamilie entstammte, die im 15. Jahrhundert aus Westfalen
nach Reval ausgewandert war. Von seiner privilegierten Herkunft machte er aber
nie ein Aufhebens, worüber das Monokel nicht hinwegtäuschen darf, das er seit
einer studentischen Mensur, die ihn das linke Augenlicht gekostet hatte, als
praktische Sehhilfe trug. Er sprach davon auch lieber von seinem
"Einglas", weil diese Bezeichnung ihn weniger an die vielfach
karikierten ostelbischen Monokelträger zu rücken schien. Als "g'spinnaten
Baron" sahen die Einheimischen ihn zunächst aber schon, hatte er doch tatsächlich
ein Windrad auf dem Pfahl errichtet, um damit seinen Strom zu erzeugen!
Regen, das Städtchen am "Silberlauf' des gleichnamigen Flusses mit seinen
Giebeldächern, seinem Brückenheiligen, Brunnenrauschen und Glockenschlag, wer
hätte es liebevoller als Siegfried von Vegesack in Gedicht und Erzählung
beschworen? Ein ldylliker war er dennoch nicht, viel eher ein scharfer,
kritischer Geist, der rationale Erkenntnis mit Poesie und der versöhnenden
Weisheit des Humors zu vereinen wusste. Die Namen vieler Künstlerfreunde, die
das zu schätzen wussten, stehen in seinem Gästebuch, darunter Georg Britting,
Werner Bergengruen, Hans Carossa, Erich Mühsam, Ina Seidl, Reinhard Köppel,
Rolf von Hoerschelmann, Heinz Theuerjahr, Max Unold und oft auch Alfred Kubin.
Zeitkritisch-pazifistisch
mit satirischem Biss
Es war keineswegs nur "Die kleine Welt vom Turm" gesehen, aus deren
Perspektive er schrieb. Stationen des heimatlos Gewordenen waren zuvor schon
Schweden, München und das literarische Zentrum Berlin. Seine
zeitkritisch-pazifistischen Texte mit dem Biss geschliffener Satire, der mit dem
eines Tucholski und Kästner verglichen wurde, flatterten in den frühen
zwanziger Jahren vom "Turm" in die Redaktionen des "Simplicissimus"
und der "Weltbühne". Oft zog sein "Fernweh" ihn vom
Bayerischen Wald hinaus in die Weite: ins Tessin, nach Südfrankreich,
Dalmatien, Brasilien, Argentinien, Paraguay, Chile und Peru. Doch immer wieder
kehrte er in den Wald zurück. Bald wurde der fremde Vogel von den Einheimischen
akzeptiert.
Nur einen Steinwurf weit vom "Turm", an seinem Lieblingsplatz auf dem
Pfahl, wo der Blick über den Bayerischen Wald sich bis zum Arber, Rachel und
Lusen hin öffnet, befindet sich am Stamm einer Kiefer über seinem Grab, wie er
es wünschte, ein einfaches Totenbrett, auf dem unter den Lebensdaten "geb.
20. 3. 1888 in Blumbergshof in Livland, gest. 26.1.1974" zu lesen
ist: "Hier wo ich einst! gehütet meine Ziegen! Will ich vereint mit meinen
Hunden liegen. / Hier auf dem Pfahle saß / ich oft und gern. / O Wandrer schau
dich um / und lobe Gott den Herrn."
Denkt man an Vegesacks schwierige frühe Jahre im Bayerischen Wald, wo er sich
und die Seinen als Kleinstlandwirt durchbringen musste, sowie an seine geradezu
franziskanische Brüderlichkeit aller Kreatur, insbesondere seinen geliebten
"Hundchen" gegenüber, so erscheint dieser Grabspruch weniger skurril.
Verbirgt sich in ihm nicht sogar ein Quentchen Humor - ein Nicht-so-ernst-Nehmen
der eigenen Wichtigkeit? Solch lächelnde Daseinsbewältigung erwuchs aus einer
Philosophie, deren kontemplativer Charakter in der Stille der Wälder ihren
Widerhall fand. "Hier spürst du", schrieb er einmal, "umwittert
von Spuk, noch einen Hauch der Urzeit, den Atem natürlichen Bodens. Wenn deine
Seele krank ist, dann verbirg dich, wie ein verwundetes Tier, in den Wäldern:
sie werden dich heilen." Es sind "die Wälder Adalbert Stifters",
des Böhmerwalddichters, der neben Jean Paul zu Vegesacks
"Turmheiligen" zählte. Unter den Zeitgenossen war ihm die
Freundschaft Alfred Kubins besonders kostbar, dessen zeichnerisches und
literarisches Werk er als das eines "Zauberers" und "Visionärs"
erkannte. "Kubin verdanke ich viel", sagte er einmal, und Kubin war es
auch, der ihn zur Niederschrift seiner Erinnerungen an die baltische Heimat
ermunterte, die schließlich zu seinem Hauptwerk "Die Baltische Tragödie"
führten.
Schutzhaft wegen
Abnahme von NS-Fahne
Als er im März 1933 einige Tage in Schutzhaft genommen wurde, weil er die
Hakenkreuzfahne, die eine "Horde von braunen Uniformen aus Regen" auf
seinem "Turm" gehisst hatten, wieder herunterholen ließ, schrieb er
in der Gefängniszelle "ungestört in aller Ruhe" wie er lakonisch
bemerkte, den Roman "Blumbergshof" zu Ende. Diese "Geschichte
einer Kindheit" gehört zum gleichen baltischen Stoffkreis wie die 1960
erschienene Familienchronik "Vorfahren und Nachkommen".
Mit seinen Büchern wollte er "auf den Leser einwirken, ihn aufrütteln,
oder ihm einen Trost geben, irgendwie helfen, - vor allem der Wahrheit".
"Ich müsste vier Hände haben, um alles niederzuschreiben!", lesen
wir in einem Brief des fast Achtzigjährigen Vegesack aus Argentinien. Noch
einmal hatte er die Reise dorthin mit dem Schiff über das Meer gewagt, wo er
unter dem Kreuz des Südens Rückschau und Zwiesprache mit sich selber hielt.
"Das ,Fressende Haus' war der Anfang", schrieb er über den
autobiografischen Helden seines letzten Romans, dem er den beziehungsreichen
Titel "Die Überfahrt" gab, "die Überfahrt ist sein Ende - und
dazwischen liegt alles, was ich erlebt habe und zu gestalten versuchte".
"Wolken, Wind und Wälder weit, Heimat ohne Grenzen. . .",
beginnt eines seiner Gedichte, mit einer Wortmusik, in der die verlorene
baltische Heimat ins Raum-und Zeitlose hineingenommen wird, zugleich aber auch
die Atmosphäre des Bayerischen Waldes spürbar bleibt. Auch Vegesacks
Verbundenheit mit seiner Wahlheimat führte ihn ins Grenzenlose, ja bis in die
Weiten des Kosmos, wenn er zum Beispiel in einem anderen Gedicht den
Quarzkristall des Pfahls in "seligem Erinnern an das bestirnte All"
aus der Felsentiefe ans Licht drängen lässt, so "als wenn ihn Sterne
riefen. . ." Im "Fressenden Haus" auf Burg Weißenstein
wurde Vegesack - wie auch seiner ersten Frau, der deutsch-schwedischen
Schriftstellerin Clara Nordström - eine Gedenkstätte errichtet. Die Werke des
Dichters sind leider in einer Vielzahl von Verlagen verstreut und fast alle
vergriffen. Ihre Gültigkeit haben sie aber bis heute bewahrt.
Franz Baumer
© Passauer Neue Presse