
Lokalteil Passau-Stadt vom 24.06.2003
Fast vergessener
Schatz: Höltl holt 25 000 alte Fotos vom Hotel-Speicher
Bilder von Helene Maurer zeigen
Passau und Passauer in den Jahren 1920 bis 1953
von Ariane Freier
"Da werden wir viele Stunden davor verbringen", sagt Stadtarchivar
Richard Schaffner und starrt wie gebannt auf den Computer, der seit gestern
Vormittag im Biedermeiersaal des Hotels "Wilder Mann" installiert ist.
Langsam blättert er das digitale Archiv mit den Fotografien alter Passauer
durch, findet Rudolf Guggemoos zum Beispiel, der in den 50ern den Elektrobus
erfunden hatte, der zwischen Obernzell und Passau fuhr, findet Marianne Sporer,
Co-Autorin des Buchs "Alltag der nicht alltäglich war", oder Dr. Hans
Kapfinger, den Gründer der PNP.
Alle Aufnahmen stammen von einer Fotografin: Helene Maurer (1895-1973).
"Sie hat einen Schatz für die Passauer und deren Familiengeschichten
hinterlassen", schwärmt Schaffner. Doch Peter Höltl, der die Aufarbeitung
der Sammelbestände bei Dr. Alexander Niederfeilner, dem wissenschaftlichen
Leiter des Museumsdorfs Bayerischer Wald, in Auftrag gegeben hat, denkt schon
weiter: "Das ist erst der Anfang, jetzt kann die eigentliche
wissenschaftliche Arbeit beginnen."
Ein halbes Jahr lang hat das Team um Peter und Christina Höltl 25 000
Zeitdokumente, teils Glasplatten, teils Filme, inventarisiert. "Alle haben
mitgeholfen", sagt Niederfeilner, "selbst der Nachtwächter." Pia
Neumaier hat aus der Materialfülle die jetzige Ausstellung komprimiert
zusammengestellt, Georg Farnhammer hat sich um die EDV gekümmert. Denn alle
Glasplatten mussten digital fotografiert, in säurefreie Tüten verpackt und mit
einem speziellen Computerprogramm in einer Datenbank gespeichert werden.
Die meisten Vorlagen waren von Helene Maurer auch fein säuberlich beschriftet
worden: fortlaufende Nummer, Aufnahmedatum, Name, Motiv, Größe, Anzahl, Preis
etc.Lediglich 1200 private Aufnahmen sind undatiert. "Wir hoffen",
sagt Peter Höltl, "dass uns Zeitzeugen oder Nachfahren Informationen darüber
geben können."
Bürger gefragt: Wer erinnert sich?
Damit dies möglich wird, ist die Fotodatenbank natürlich in der Ausstellung im
Biedermeiersaal des Glasmuseums frei zugänglich und auch im Internet abrufbar
unter www.passau.de.
Stadtarchivar Schaffner will die Fotos zudem mit Biographien des Stadtarchivs
vernetzen und ein Kommentarfeld für den Internet-Nutzer einrichten.
Der Ausstellungsbesucher erfährt neben Fakten zur Familie Maurer und den
Aufnahmen auch Spannendes über die Geschichte der Fotografie und die Geschichte
der Glasplatten. Gefunden wurden die Bilder in Holzkisten auf dem Dachboden des
Hauses, dort, wo Restaurantchef Andreas Endl heute seine Küche hat. Als Georg Höltl
1979 den Gebäudekomplex mit insgesamt vier Einzelhäusern erwarb, um daraus das
Hotel und das Glasmuseum zu machen, ging der fotografische Nachlass von Helene
Maurer mit in seinen Besitz über.
Maurers Vater Josef hatte 1903 im Haus eine internationale Weinhandels AG mit
Kontakten bis nach Ungarn und Berlin begründet. Die Weinhandlung wurde zwar in
die Neuburger Straße verlegt, doch Tochter Helene wurde Fotografin und richtete
sich von 1936 bis 1953 ein Fotoatelier im zweiten Obergeschoss des heutigen
"Wilden Mann" ein. Nach dem Tod von Eltern und Bruder sorgte sie mit
ihren Fotos für den Lebensunterhalt ihrer Schwestern Olga und Gisela.
Im Laufe der Jahre lichtete Helene Maurer Kunden aus Passau, aber auch aus dem näheren
Umland wie Fürstenzell, Vilshofen, dem Bayerischen Wald und aus Österreich ab.
Auch Touristen und Passagiere der Donaudampfer ließen sich von ihr
fotografieren. Weil das Atelier nahe am Dom lag, sind viele Aufnahmen von
Nonnen, Priestern oder Primizianten darunter. Auch Soldatenfotos, Kinderporträts
oder Gruppenfotos. "Die Bilder spiegeln nicht die Alltagssituation wider,
sondern besondere Ereignisse wie Hochzeit oder Kommunion", sagt Pia
Neumaier.
Nachdem rund 80 Prozent der Aufnahmen Porträts oder Einzelpersonen sind, gibt
es nur wenige Aufnahmen außerhalb des Ateliers, einige vom Hochwasser 1920, von
einer Prozession anlässlich des Einzugs des Altöttinger Gnadenbilds in den Dom
1936 oder als ein Auto aus der Donau gezogen wird. Helene Maurer hat auch
Notzeiten dokumentiert, z.B. die Verteilung von Care-Paketen und Kleiderkammern.
© Passauer Neue Presse