Lokalteil Passau-Stadt vom 01.06.2002


Mit der Vergangenheit total vernetzt:
So wird Geschichte wieder lebendig

Richard Schaffners Traumberuf: Stadtarchivar dokumentiert Passaus Geschichte und Gegenwart
Von
Philipp Hedemann

Heining. Stadtarchivar Richard Schaffner ist im Stress. Immer. Die Zeit spielt gegen ihn. Er läuft mit dem Tod um die Wette. Nicht mit seinem eigenen, sondern mit dem seiner wichtigsten Informationsquelle: Alte Passauer und Passauerinnen, die viel gesehen, viel erlebt, viel gehört und einiges behalten haben. "Ich muss dieses Wissen haben und dokumentieren, bevor die Zeitzeugen sterben. Wenn man einen alten Menschen zu Grabe trägt, ist das, als wenn man die gesamte Festplatte eines Hochleistungsrechners löscht", meint der Archivar.
Richard Schaffner bezeichnet sich selbst als "Informationsjunkie". Er und seine Mitarbeiter des Stadtarchives und der Kommunalen Medienzentrale sammeln alles, aber auch wirklich alles, was etwas mit Passau zu tun hat. Jede Radio- oder Fernsehsendung, in der der Name der Stadt nur einmal vorkommt, wird aufgezeichnet und digitalisiert. Jede Internetseite, die sich mit der Dreiflüssestadt beschäftigt, wird vom Superrechner des Stadtarchivs sofort gespeichert. Nichts, was irgendwo auf der Welt über Passau publiziert wird, entgeht dem Stadtarchivar.
"Mit Hilfe der neuen Medien und der Hochleistungsrechner können wir alles, was veröffentlicht wird, relativ leicht archivieren. Aber vieles ist nur in den Köpfen der Leute gespeichert. Um an die Informationen ran zu kommen, nützen uns die besten Computer nichts. Da können wir nicht in unserem Archiv sitzen und warten, bis die Informationen zu uns kommen", sagt der 41-Jährige.
Deshalb ist er jeden Donnerstag im "Außendienst" tätig. Auf seiner silbernen Vespa flitzt er durch den Landkreis Passau, hört alten Leuten zu und befragt Zeitzeugen - doch am liebsten stöbert Schaffner auf alten Dachböden herum.
"Die Leute schmeißen viel zu viel weg", jammert der leidenschaftliche Sammler. Zum Beispiel Plastiktüten: Was von den meisten Menschen nach einmaligem Gebrauch weggeworfen wird, ist für den Archivar ein "Zeitzeuge von unschätzbarem Wert". Mittlerweile hat Richard Schaffner in der Kommunalen Medienzentrale in der Ilzstadt das weltweit größte Plastiktütenarchiv der Welt. Und: Jede Woche kommen Hunderte von neuen Tüten aus der ganzen Welt dazu. "Die Plastiktüte ist oft das einzige, was von einem Geschäft bleibt. Wenn jemand nach 20 Jahren Abwesenheit nach Passau zurückkehrt, wird kaum noch ein Geschäft da sein, wo es früher war. Aber mit Hilfe der Plastiktüten können wir rekonstruieren, wie die Geschäftswelt einmal ausgesehen hat."
Schaffner sieht sein Archiv nicht als klassisches Stadtarchiv. "Kommunikations-, Informations- und Dokumentationszentrum" heißt es auf der Homepage des Stadtarchives, das 1993 als erstes deutsches Stadtarchiv im Internet war. "Als ich beim Stadtarchiv anfing, wollte ich etwas gegen das verstaubte Image von Archiven tun. Deshalb findet man bei uns Informationen vom 15. August 1299 bis heute", sagt der Archivar. Er begann seine Arbeit vor knapp 20 Jahren noch an der Schreibmaschine, heute ist er Computerexperte.
Bei seiner Arbeit kommt dem Archivar sein hervorragendes Gedächtnis zur Hilfe: Auch ohne seinen Laptop, mit dem er über Mobilfunk stets mit seinem Archiv verbunden ist, weiß Schaffner, wann welcher Trunkenbold im 19. Jahrhundert in welchem Gasthaus Hausverbot hatte.
Nur wenn es um seine eigene Geschichte geht, dann lässt den Archivar sein Gedächtnis schon mal im Stich: Der 41-Jährige muss einen Augenblick überlegen, wann er geheiratet hat. "Das war ohnehin nur eine kurze Episode, die ohne Folgen auf die Passauer Stadtgeschichte blieb", schmunzelt er.
Schaffner, der schon als sechsjähriger Bub Sterbebilder und Emailleschilder sammelte, hat als Archivar der Stadt Passau seinen Traumberuf gefunden. "Wenn ich nicht Archivar geworden wäre, wäre ich wahrscheinlich Koch oder Wirt geworden", erzählt der passionierte Hobbykoch, der mit Hans Königsbauer und Fritz Mayer das historische Kochbuch "Speisen mit Kaiserin Sissi" herausgegeben hat. Neben der Vision, alles über Passau zu archivieren und digitalisieren, hat Schaffner noch einen zweiten großen Wunsch: Den Koch-Gesellenbrief erwerben. Doch vorerst lässt ihm seine Arbeit dazu keine Zeit, denn in Passau wird weiterhin geschrieben, gelebt und gestorben.
Alles über die Passauer Stadtgeschichte finden Sie unter www.stadtarchiv-passau.de


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