
Lokalteil Passau-Stadt vom
09.03.2002
Das Rätsel der Franz-Staudigl-Straße:
Sie existiert nur auf dem Stadtplan
Von Roland Holzapfel
und Sebastian Mense
Grubweg. Das gab's beim PNP-Straßennamenrätsel noch nie: Letzten Samstag haben
wir nach einer Straße gefragt, die nur auf dem Papier existiert. Die Franz-
Staudigl-Straße ist in Stadtplänen und Adressbüchern verzeichnet, aber dort,
wo sie laut Plan verlaufen sollte, liegt nur eine grüne Wiese - von einem
befestigten Weg, geschweige denn von Häusern, keine Spur.
"Auch ein Straßenschild habe ich noch nie gesehen", sagt PNP-Leserin
Rosmarie Friedl, die uns auf die Kuriosität aufmerksam gemacht hat. Sie selbst
wohnt in der Waldschmidtstraße, parallel zu dieser verläuft die Englmeierstraße,
und von der sollte eigentlich die Franz-Staudigl-Straße abzweigen - zumindest
auf dem Stadtplan. "Vermutlich war an dieser Stelle mal eine Straße
vorgesehen, aber da ist wohl nie etwas daraus geworden, glaubt Rosmarie Friedl.
Diese Vermutung hegt auch Dr. Max Brunner, Leiter des städtischen Kulturamts.
Die Staudigl-Straße sei ihm zwar nicht konkret bekannt, doch gebe es ab und zu
Fälle, wo ein Baugebiet und eine Straße geplant sind, dann aber doch nicht
realisiert werden - obwohl ein Straßenname bereits vergeben ist.
Nachfrage bei Stadtheimatpfleger Franz Mader: Die Reaktion ist ungläubiges
Staunen. "Das gibt's doch nicht. So etwas habe ich ja noch nie gehört."
Die Straße ist ihm namentlich wohl bekannt, der Namensgeber Franz Staudigl
sowieso. Aber: "In meinen gesamten Aufzeichnungen habe ich nichts gefunden,
wann die Straße benannt worden ist." Auch im Stadtarchiv ist man ratlos.
Es müsse zwar "irgendwann" einen entsprechenden Stadtratsbeschluss
gegeben haben, doch um den zu finden, müsste man die Akten mehrerer Jahrzehnte
wälzen.
So bleibt dieses Rätsel vorerst ungelöst. Fest steht immerhin, wer hinter dem
Namen der Straße steckt: ein bekannter akademischer Maler. Der eigenwillige,
asketisch und zurückgezogen lebende Franz Staudigl wurde vor allem als
Landschaftsmaler bekannt. 1885 in Wien geboren, zog er 1914 nach Passau, zwei
Jahre später nach Hals. Neben Landschaftsbildern arbeitete er an Porträts
sowie religiösen und literarischen Themen.
Der Halser Hubert Henn, in dieser Woche unser Rätsel- Gewinner, hat Staudigl
noch persönlich gekannt: "Der bärtige, streng blickende Maler war uns
bald eine vertraute Erscheinung, wenn er mit seiner Staffelei und den
Malutensilien den Wiesenweg herabkam, und wenn möglich folgten wir Kinder ihm
und blieben bei ihm, wenn er sich am Ilzufer niederließ", schrieb Henn der
PNP. "Zwischen Adolfine und Franz Staudigl und meinen Eltern entwickelte
sich bald ein freundschaftliches Verhältnis. So stimmte unsere Mutter gern zu,
als der Maler eines Tages den Wunsch äußerte, uns vier Kinder, jedes einzeln,
porträtieren zu dürfen. Mit mir als Ältestem wurde begonnen. An die Sitzungen
erinnere ich mich noch sehr gut. Das Porträt wurde mitgebracht, als das Ehepaar
Staudigl einmal bei uns eingeladen war. Das Bild meines jüngeren Bruders wurde
nicht mehr fertig."
Franz Staudigl starb im April 1944. Er ist auf dem Ilzstadtfriedhof begraben.
1997 widmete ihm der Kunstverein eine Ausstellung, im Jahre 1991 das
Oberhausmuseum.
© Passauer Neue Presse