
Lokalteil Passau-Stadt vom 8.
Februar 2002Auerbach. Bis zur Gartentür geht Josepha Steidl ihren Gästen entgegen,
zuvorkommend werden sie durch die Wohnung begleitet, auf dem kleinen Tischchen
vor dem großen Fenster stehen Teetassen und Gebäck. Kein unsicherer Schritt
verrät, dass die gepflegte Frau nur noch sieben Prozent Sehfähigkeit besitzt.
Standhaft hat sie sich bisher geweigert, einen Gehstock zu benützen.
"Das ist die Zähigkeit eines Stiers, der hat sein Bild, das er beibehält
und verteidigt", sagt die Grande Dame des Passauer Faschings. 15 Jahre lang
- von 1973 bis 1988 - stand sie als Präsidentin der Narrsavia im Rampenlicht.
Nicht zu glauben, dass die vitale Frau im Mai ihren 94. Geburtstag feiert.
Fast immer in Klosterschulen unterrichtet, habe sie ihre Mutter noch ins
Damenstift, das Zisterzienserkloster in Osterhofen, geschickt, damit sie den
letzten Schliff bekäme, erzählt Josepha Steidl. Und berichtet von ihrer frühen
Leidenschaft für Kunstgeschichte, die sie auch mit ihrem späteren Ehemann,
einem Südtiroler, zusammengebracht hat. Mit ihm ging sie für einige Jahre nach
Berlin und hat dort drei Kinder zur Welt gebracht - "eine Höchstleistung für
da droben".
Nach der Bombardierung Berlins kehrte die Niederbayerin nach Passau zurück,
nach dem Krieg wurde auch die Triumph-Weberei ihres Mannes umgesiedelt. Stoffe für
Miederfabriken wurden gewebt, immer habe man mit ägyptischer Baumwolle
gearbeitet, weiß Josepha Steidl noch gut. Doch die gab es während des Krieges
nicht, dafür habe man Nylon bekommen. "Die Knoten lösten sich bei dem
starren Material immer wieder. Erst nach tausenden von Versuchen haben wir
herausgefunden, wie der Knoten bleibt." Dieser Dreherknoten habe viele
Textilfirmen interessiert, erzählt die Frau stolz.
Zum Präsidentenamt bei der Passauer Narrsavia sei sie nach dem Tod ihres Mannes
gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Der damalige 2. Bürgermeister Dr. Zilk hätte
sie zu einer Versammlung mitgenommen. Jetzt ist sie Ehrenpräsidentin des
Vereins. "Ich war diejenige, an der alle ihr Geweih abgewetzt haben."
Mädchen für die Garde zu suchen, war auch für Josepha Steidl nicht immer
leicht, heute ist es unmöglich geworden. Sie hat die Kostüme ausgesucht, war
bereits im September beim Tanztraining dabei. "Und es war immer wieder Überzeugungsarbeit
zu leisten, dass bei den Veranstaltungen alles in Ordnung geht - mal bei den
Eltern, mal beim Freund", sagt die Ehrenpräsidentin.
Und sie kann sich noch gut an einen Abend erinnern, an dem die Narrsavia in
Haidmühle engagiert war. Ein Baum lag über der Straße, versperrte dem Bus die
Fahrt. Nur den Mantel über den Kostümen, stapften die Gardemädchen das letzte
Wegstück zu Fuß durch den hohen Schnee, schließlich waren sie an den Termin
gebunden. "Es war viel Arbeit und hat oft viel persönliche Überwindung
gekostet. Doch wir hatten viel Erfolg", freut sie sich.
Die schönsten Erlebnisse während ihrer Präsidentenzeit waren für Josepha
Steidl die Hofbälle in Wien. Und sie lacht, als sie sich daran erinnert, wie
sie sich über die anderen Ballgäste gewundert hatte, als sie in der Hofburg
die Büste von Kaiser Franz Joseph grüßten: "Ich wusste nicht, was ich
tun sollte, aber ich habe mich dem allgemeinen Benehmen angepasst."
Insgesamt sei die Atmosphäre beim Hofball anders gewesen, "vielleicht hing
ja noch Maria Theresias Geist rum". Getanzt habe sie dort auch einmal mit
dem bekannten Komponisten Robert Stolz, aber der habe ihr nicht gefallen.
"Der war in seiner Art ungut."
Früher sei sie leidenschaftliche Reiterin ("ich habe neun Brüche hinter
mir, die sind alle wieder zusammengewachsen") und Schlittschuhläuferin
gewesen, dazu begeisterte Tänzerin. Heute freut sie sich, wenn sie von
ehemaligen Gardemädchen angesprochen wird oder wenn sie jemand auf die
handgearbeiteten Faschings- Orden anspricht. "Die Zeit ist abgelaufen, das
Denken hat sich gewandelt", sagt sie über den derzeit ruhenden Verein
Narrsavia, den ihr Schwiegersohn offiziell noch als Präsident weiterführt.
"Doch irgendwann werden Junge kommen, die den Fasching wieder
auferwecken."
© Passauer Neue Presse