
Dreißig Handzeichnungen
von
Goethe
Der Verleger Alfred Kippenberg, Insel-Verlag, hat seinem Autor,
dem
Passauer Schriftsteller Hans Carossa, zu Weihnachten 1931 einen
Faksimiledruck von 30 Handzeichnungen von Goethe geschenkt. Diese
Mappe befand sich im sog. "Seestettener Nachlaß", den die
Schwiegertochter Carossas´ Helene Carossa dem Stadtarchiv Passau überlassen
hat. Zum 250. Geburtstag Goethes stellt das Stadtarchiv Passau ab 1.
Juli 1999 diese Zeichnungen in seinem Gebäude in der Ilzstadt, Am
Goldenen Steig 1, aus.
im Insel Verlag-Verlag, Leipzig, 1931/32
der auch die nachfolgenden Texte schrieb.
Zum ersten Male seit der Erschließung des Goetheschen Nachlasses vor 45 Jahren wird in originalgleichen Faksimiles eine Reihe von Handzeichnungen des Dichters vorgelegt, die sein künstlerisches Schaffen von der Jugend bis ins Alter begleitet. Der Wunsch vieler Goethe-Freunde, sich in getreue Wiedergaben besonders kennzeichnender Goethescher Blätter mit Muße versenken zu können, ist seit dem Tode des Goetheenkels immer lebhafter geworden; nun findet er zum Zentenarjahr 1932 seine Erfüllung.
Wir legen 30 ausgewählte Blätter vor. Die Hälfte von ihnen ist überhaupt noch nicht in den Gesichtskreis der Freunde Goethescher Zeichenkunst getreten. Von der anderen Hälfte sind manche Blätter nicht unbekannt geblieben, aber ihre Wiedergabe war zumeist mangelhaft und selten in der Größe der Originale, und so wird auch die Mehrzahl dieser Zeichnungen wie unbekannte wirken.
Die Auswahl aus den mehr als 2000 erhaltenen Goethe-Zeichnungen ergab sich von selbst: die vielen flüchtigen Bleistiftnotizen, zum größten Teil der italienischen Zeit zugehörig und sachlich umrißhaft zur Stärkung der Erinnerung festgehalten, schieden aus, ebenso Blätter kleinen und kleinsten Formats. Auch die Gruppe, die Goethe selbst, um Goethe den Zeichner in seiner eigenen Sammlung der Nachwelt zu überliefern, ausgewählt hatte und von fremder Hand, vollenden ließ, mußte unberücksichtigt bleiben, weil gerade sie am wenigsten geeignet ist, die Hand Goethes zu offenbaren. Kunsthistorische Schätzungsmaßstäbe, die etwa die Einflüsse Oesers in der Jugend, Hackerts und Tischbeins in Italien nachweisen könnten, mußten zurücktreten hinter der Absicht: gerade den lehrmeisterfreien, vorbildfernen Goethe, den Zeichner Goethe schlechthin, wie er sich von der Jugend bis ins Alter selbst behauptete, zu zeigen; und zwar zu zeigen in Blättern, die er nicht unvollendet ließ, bei denen er, auch wo sie Skizzen blieben, ans Ende dessen, was er sagen wollte und konnte, gelangt war. Natürlich ist es möglich, den Zeichner Goethe mit den Mitteln kunsthistorischer Methoden einzufügen in den technischen und geschmacklichen Fluß seiner Zeit, aber eine solche Betrachtungsart erscheint uns wenig fruchtbar, weil sie nur untergeordnete Zusammenhänge aufdecken könnte. Denn Goethes Zeichentätigkeit, so reich sie war und so ernsthaft eine Zeit lang sein Streben zur Künstlerschaft war, setzt sie sich doch zusammen aus einer Reihe von mehr oder minder nah auf einander folgenden Akzessen von Zeichenfieber. Die Zeichenkunst war ihm trotz wiederholter heftiger Umwerbung doch immer die Geliebte der Mußestunden, die ihn begleitete, so oft er seinen Lebens- und Schaffenspflichten entweichen konnte. So spiegelt jede neue Periode weniger die Erfahrungsgewinne der vorvergangenen, als vielmehr das neue Verhältnis des Dichters und Naturerforschers zum Leben selbst, und das erste und letzte, das Goethe befragt, ist immer sein Auge. Nicht Goethe, der Schüler von Zeichenmeistern, spricht aus den dreißig Blättern zur Nachwelt, sondern Goethe der große Dilettant, der die Elemente der Kunst trotz mehrfacher Anläufe nicht voll eroberte, doch mit der Leidenschaft des Auges die Natur erfaßte, um bei aller Gebundenheit an die Sehweite seines Jahrhunderts diese ebenso oft wie überraschend zu überfliegen. In solchem Sinne bietet die Mappe die künstlerisch stärksten Blätter aus Goethes Nachlassenschaft.